One World Festival: Globale Jukebox

Über 100 Stars sangen beim „One World Festival“ zugunsten der WHO: Die Highlights aus dem achtstündigen Stream.

Elton John am Flügel in seinem Garten. Taylor Swift vor einer Blümchen-Tapete, Zucchero im Gartenhäuschen. Und das Popstar-Traumpaar Shawn Mendes und Camila Cabello gemeinsam am Klavier im Wohnzimmer. Bei einem virtuellen Konzertmarathon, der von der Plattform Global Citizen zusammen mit den Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation unter dem Titel „One World: Together At Home“ organisiert wurde, gaben sich am 18. April unzählige Weltstars die Ehre.

Mit ihren vorab aufgezeichneten Live-Sets honorierten die Entertainer die Arbeit der „wahren Helden“ während der Coronakrise, den Beschäftigten im Gesundheitswesen, aber auch Lehrer, Supermarktmitarbeiter und Postboten. Streaming und Video-Programme, die viele derzeit aus dem Homeoffice kennen, brachten die Stars zu Millionen von Zuschauern nach Hause.

Damit erinnert die Initiative an die „Live Aid“-Aktion, bei der 1985 bei zwei weltweit übertragenen Satelliten-Arenakonzerten in London und Philadelphia angesichts der Hungersnot in Äthiopien diverse Superstars auftraten. Der Unterschied: Damals standen die Künstler gemeinsam live auf der Bühne, dieses Mal befanden sie sich jeweils zu Hause in Quarantäne, die einzelnen Sets wurden zusammengeschnitten. 

Live aus Kassel

Bereits vor dem zweistündigen Hauptteil, der von den Talkshow-Hosts Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel und Stephen Colbert moderiert wurde, gab es während sechs Stunden unzählige Auftritte von Musikern, unterbrochen von Beiträgen rund um die globale Coronakrise.

Die einstige Eurythmics-Frontfrau Annie Lennox sang mit ihrer Tochter Lola Lennox ihren Achtziger-Hit „Must Be Talking To An Angel“. Die 65-jährige Schottin mit der elektrisierenden Stimme begleitete sich selbst am Klavier, während ihre Tochter zugeschaltet war.

Jungtalent Christine And The Queens performte zweisprachig in ihrer Pariser Wohnung, während Jack Johnson mit „Better Together“ Feel-Good-Vibes von seinem Haus in Hawaii um die Welt schickte. Ben Platt, bekannt aus der Netlfix-Serie The Politician, bewies sein Gesangstalent mit dem Beatles-Klassiker „I Want To Hold Your Hand“ und seinem eigenen Titel „Bad Habit“.

Minisets à jeweils zwei Songs spielten u.a. auch Sheryl Crow, Ellie Goulding, die US-Popstars Kesha undAdam Lambert sowie der irische Singer/Songwriter Hozier. Als einziger deutscher Liveact spielte das hessische Duo Milky Chance seinen Hit „Stolen Dance“. 

Weniger ist mehr

Die Indie-Band Picture This, deren Mitglieder es sich – nicht ganz konform mit dem Social-Distancing-Mantra – zu viert auf einem Sofa gemütlich gemacht hatten, überzeugten mit einem leidenschaftlichen Set ihrer Singles „Troublemaker“ und „Winona Ryder“. Den ansonsten opulenten Songs von The Killers, di zu zweit mit Gitarre und Keyboard vor einem Kamin spielten, tat die Reduzierung aufs Wesentliche gut.

Unzählige Cover-Versionen

Lady Gaga, die das Konzertereignis kuratiert und wegen der Pandemie die Veröffentlichung ihres sechsten Albums „Chromatica“ verschoben hat, eröffnete den Hauptteil des virtuellen Lockdown-Festivals nicht mit einem neuen Stück, sondern dem Charlie-Chaplin-Klassiker „Smile“. 

Es folgten unzählige Coverversionen. Billie Eilish wählte als Ablenkung von den derzeit täglichen Schlagzeilen rund um die Covid-19-Pandemie den optimistischen Song „Sunny“ (ältere Musikfans dürften die Discoversion von Money M. kennen). Die 18-jährige Senkrechtstarterin machte aus dem Soulsong von Bobby Hebb aus dem Jahr 1966 eine zarte Popnummer. Begleitet wurde sie von ihrem Bruder Finneas am Piano, der sogar ein paar Akkorde aus der prägnanten James-Bond-Melodie einbaute – ein Verweis auf ihre aktuelle Single „No Time To Die“.

Jennifer Lopez wagte sich an den Barbra-Streisand-Titel „People“ aus dem Musical „Funny Girl“ heran, theatralisch inszeniert vor einem mit Lichterketten geschmückten Baum. Und die vier Altrocker der Rolling Stones – jeder für sich in seiner Villa – spielten via Zoom-Splitscreen gemeinsam „You Can‘t Always Get What You Want“. 

Intime und belanglose Pop-Momente

Elton John mühte sich an seinem Hit „I’m Still Standing“ in seinem Garten in Los Angeles ab. Neben weiteren Legenden wie Paul McCartney („Lady Madonna“) und Stevie Wonder, der mit „Lean On Me“ an den kürzlich verstorbenen Bill Withers erinnerte, trat auch Newcomerin Lizzo auf. Sie sorgte mit einer eindringlichen Version von Sam Cookes Bürgerrechtsbewegungshymne “A Change Is Gonna Come“ für Gänsehaut.

Berührend auch Taylor Swift mit „Soon You’ll Get Better“, einer Ballade, die sie für ihre krebskranke Mutter schrieb. Billie Joe Armstrong – der dringend einen Haarschnitt braucht – transferierte den Song “Wake Me Up When September Ends” seiner Band Green Day, unterlegt mit Bildern von leeren Städten, ebenfalls in einen neuen Kontext.

John Legend und Sam Smith sangen via Zoom im Duett Ben E. Kings 1961er Hit „Stand By Me“ in ihren jeweiligen Wohnzimmern. Beyoncé und Alicia Keys sangen zwar nicht, lieferten in Videobotschaften aber zwei starke Statements und machten auf die Lage der afroamerikanischen Bevölkerung aufmerksam, die besonders stark von der Pandemie betroffen sei.

Für einen leichten Ton zwischen den musikalischen Beiträgen sorgten die drei Moderatoren, die in den USA populären Talkshow-Hosts Stephen ColbertJimmy Kimmel und Jimmy Fallon. Letzterer performte mit der Hip-Hop-Combo The Roots, die auch als Hausband in seiner „Tonight Show“ auftritt, den Song „Safety Dance“. 

Zum Abschluss gab es eine ungewöhnliche, aber belanglose Kollaboration von Celine Dion, Lady Gaga, Andrea Bocelli und John Legend, die, begleitet von Pianist Lang Lang, das pathetische Stück „The Prayer“ sangen (ein Duett von Dion und Bocelli aus dem Jahr 1999).

Wie wohnen die eigentlich, diese Megastars? 

Insgesamt dominierten Balladen die umfangreiche Setlist. Die Songs wurden angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten größtenteils akustisch und ohne visuelle Inszenierung umgesetzt. Da rutscht während acht Stunden die Musik auch mal in den Hintergrund und man konzentriert sich stattdessen auf die Inneneinrichtung der Stars. So erhaschten Zuschauer einen kurzen Blick in Schlafzimmer, Küchen und Homestudios, die teilweise überraschend schlicht oder unaufgeräumt wirkten.

Zurück in die Realität holten den Zuschauer die wiederholten Aufforderungen an Regierungen und Großkonzerne, den WHO-Solidaritätsfonds finanziell weiter zu unterstützen. Ein deutlicher Hinweis an US-Präsident Donald Trump, der vor kurzem die Zahlungen an die Weltgesundheitsorganisation stoppte. 

Ob die vielen Lieder, die Herzchen und Emojis, die während des Live-Streams im Sekundentakt aus aller Welt gesendet wurden, etwas bewirken, sei dahingestellt. Immerhin sorgte das virtuelle Festival für Ablenkung während des Lockdowns.

Einige Highlights des Livestreams habe ich für die Passauer Neue Presse und auf themusicminutes.com zusammengefasst.

Foto: Screenshot One World Festival – Global Citizen YouTube