Babylon Berlin: Im Dauerrausch in den Abgrund

Finanzfiasko, Fremdenfeindlichkeit und Filmglamour: Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ spielt in der turbulenten Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

Die drei Macher, die Drehbuchautoren und Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten, interpretieren die Vergangenheit aus heutiger Sicht. Der Plot der dritten Staffel basiert auf dem Roman „Der stumme Tod“ aus der Bestseller-Reihe von Volker Kutscher. Anders als der Roman, setzt die Serie fünf Wochen vor dem Börsencrash 1929 ein. Das dekadente Jahrzehnt der „Goldenen Zwanziger“ neigt sich dem Ende zu, Glanz und Elend prallen aufeinander.

Zwischen sozialer Not und Film-Glamour

Vor dem Hintergrund der drohenden Weltwirtschaftskrise, löst Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) mit Unterstützung von Kriminalassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) seinen zweiten Fall: Der Mord an der Hauptdarstellerin eines Filmprojekts mit dem Titel „Dämonen der Leidenschaft“ gefährdet nicht nur die Produktion, sondern auch die Interessen der dubiosen Geldgeber.

Im Schatten der Kulissen der vermeintlich glamourösen Berliner Filmwelt tummeln sich zwielichtige, kaputte Charaktere. Das Moka Efti, der legendäre Nachtclub aus den beiden ersten Staffeln, weicht als Hauptschauplatz den Filmstudios Babelsberg. Hier, wo auch ein Großteil der Serie gedreht wurde, werden die Unterschiede zwischen den Parallelgesellschaften der dekadenten Oberschicht und dem harten Alltag der Arbeiterklasse besonders deutlich.

Opulente Ausstattung

Das erstklassige Ensemble um die beiden Hauptdarsteller wird durch hervorragende Neubesetzungen, darunter Meret Becker als zweifelnder Stummfilmstar und Martin Wuttke als umtriebiger Chefredakteur, ergänzt.

Die Musik klingt nach dem für die „Roaring Twenties“ typischen, ausschweifenden Swing, würde jedoch genauso in einem avantgardistischen, modernen Berliner Club funktionieren. Sowohl Musik und Kostüme als auch das realitätsnahe Szenenbild von Uli Hanisch versetzen den Zuschauer ins Berlin der 1920er Jahre, lassen aber gleichzeitig zeitgenössische Einflüsse aufblitzen.

Historienkrimi mit Aktualitätsbezug

Es ist eine aufregende, widersprüchliche Zeit, längst vergangen und doch vertraut. Der Boulevard-Journalismus mit zunehmendem Fokus auf Fotos erinnert an den heutigen Clickbaiting-Wahn mit Paparazzi-Schnappschüssen und reisserischen Schlagzeilen. Auch die Filmindustrie ist im Umbruch. Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm beschwört den heutigen digitalen Wandel herauf. Die damalige Unbeholfenheit im Umgang mit neunen Technologien weckt eine Sehnsucht an die vordigitale Welt.

„Babylon Berlin“ zeigt das überschwängliche, experimentelle Kulturleben vor dem Hintergrund der zunehmenden Präsenz von Nationalsozialisten – Erinnerungen an die reale europaweite Renaissance des Rechtspopulismus und den erschreckenden Antisemitismus werden wach. Die Macher stellen sich der heiklen Frage: Wie konnte mitten in einer liberalen Gesellschaft eine Autokratie entstehen?

Nicht zuletzt hinterfragen die Macher auch die damaligen Geschlechterrollen, zeigen erste zaghafte Anzeichen von Emanzipation – und verweisen mittels der unterschiedlichen Schicksale starker, spannender Frauenfiguren auf die aktuelle #MeToo-Debatte. Vorausahnend singt die reale Künstlerin Claire Waldoff: „Wat die Männer können, können wir schon lange, und vielleicht ’ne janze Ecke mehr.“

Näher dran

Die damaligen gesellschaftlichen Entwicklungen entsprechen dem Bewusstsein der heutigen Zeit. Dieser Aktualitätsbezug, der frische Blick auf längst Vergangenes, begründet sicherlich einen Großteil des Serienerfolgs.

Die zwölf 45-minütigen Folgen konzentrieren sich zwar insgesamt verstärkt auf die Krimi-Handlung, doch die Serienmacher rücken im Unterschied zu den vorherigen 16 Episoden näher an die Figuren heran. Und so ist auch die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ ein sozialkritisches Gesellschaftsporträt in surrealen Bildern – und deutsche Serien-Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Über die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ habe ich in einer Kurzkritik für den musikexpress sowie ausführlicher für die Seite 3 der Passauer Neuen Presse geschrieben. 

Fotos: © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto/WDR/Sky/Beta Film