The Crown: Backstage im Buckingham-Palast 

Ob sich die Königsfamilie gemeinsam vor dem heimischen Flatscreen die Netflix-Serie „The Crown“ ansieht, ist nicht bekannt. Der Palast hält sich vornehm zurück. Denn die persönliche Meinung ist im Protokoll nicht vorgesehen, Emotionen sind unerwünscht.

Bereits Ende der sechziger Jahre versuchten die britischen Royals, sich durch eine BBC-Doku nahbarer zu machen. Was damals schiefging, erledigt 50 Jahre später „The Crown“. Obwohl nicht offiziell abgesegnet, blickt die preisgekrönte Produktion hinter die Palastmauern und gibt die Gefühle hinter den steinernen Mienen der Familienmitglieder im Buckingham Palace preis.

Neues Zeitalter…

Es muss schon ein seltsames Gefühl sein, das eigene Konterfei auf Briefmarken zu beurteilen. Entsprechend kritisch betrachtet Elizabeth II Porträts, die dafür als Vorlage dienten. Links eine jüngere Version von ihr, rechts eine aktuelle, das Bild einer vierfachen Mutter und soliden Monarchin.

Clever führen die Macher um Autor Peter Morgan, der auch hinter dem 2006er Film „The Queen“ steckt, das neue Gesicht der Serie ein: Oscar-Gewinnerin Olivia Colman, bekannt aus „Broadchurch“ und „Fleabag“, übernimmt das Zepter von Claire Foy. Denn alle zwei der insgesamt sechs geplanten Staffeln wird der Cast ausgewechselt.

Die zehn neuen jeweils einstündigen Folgen setzen 1964 ein. Die Königin sieht sich nicht nur mit einem neuen Premierminister konfrontiert, auch der radikale gesellschaftliche Wandel stellen die royale Familie vor Herausforderungen.

Vor dem Hintergrund der ebenso fortschrittlichen wie turbulenten sechziger und siebziger Jahre, als weltweit für liberale Werte gekämpft wurde, wird die königliche Zurückhaltung mitsamt ihrer auferlegten Regeln und Pflichten umso deutlicher. Die Windsors, die sich stets unparteiisch geben müssen, bewegen sich in einer komplizierten Welt, in der ein falsches Wort bei einem Staatsbankett eine politische Krise auslösen kann.

… neue Schauspieler

Die Zuverlässigkeit und Seriosität Ihrer Majestät wird insbesondere im direkten Vergleich mit ihrer jüngeren Schwester deutlich. Die auf exzentrische Rollen spezialisierte Helena Bonham Carter überzeugt als glamouröse Prinzessin Margaret, die ein wildes Jetset-Leben führt, deren Lebenslust im engen Korsett der royalen Etikette jedoch erstickt wird.

Das neue, erstklassige Ensemble wird dem Niveau der Serie gerecht. Neben der brillanten Hauptdarstellerin Olivia Colman, die durch ihr zurückhaltendes Spiel den schwierigen Spagat zwischen Privatperson und Staatsoberhaupt spürbar macht, glänzt der Newcomer Josh O’Connor, der es mit seiner einfühlsamen Darstellung schafft, den oft spröde wirkenden Prinz Charles sympathisch zu machen, Erin Doherty als ungestüme Prinzessin Anne könnte zu einer weiteren Lieblingsfigur avancieren.

Intime Einblicke

Viele der Episoden kennt man aus Geschichtsbüchern und Klatschmagazinen, doch dank der vermeintlich intimen Perspektive gewinnen die wahren Begebenheiten – ob nun realitätsnah oder nicht – an Spannung.

Die hochwertige Produktion, die respektvoll mit den realen Persönlichkeiten umgeht, ist unterhaltsam und berührend zugleich. Im Kern bietet das opulent inszenierte Historiendrama gleich mehrere tragische Liebesgeschichten. Schließlich sind die vielen Einschränkungen keine idealen Voraussetzungen für ein gesundes Familien- und Liebesleben.

Immer wieder verweist „The Crown“ trotz des historischen Stoffes in die Gegenwart. Man wüsste gerne, was die 93-jährige Queen von alldem hält – und wie ihre wöchentlichen Treffen mit dem aktuellen Premierminister ablaufen. Das wird aber vermutlich für immer ihr Geheimnis bleiben.

Staffel 3 von „The Crown“ ist ab 17. November auf Netflix abrufbar.

Mehr in der Print-Ausgabe von der Passauer Neuen Presse.

Foto: Sophie Mutevelian/Netflix

Ein Gedanke zu “The Crown: Backstage im Buckingham-Palast 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.