Watchmen: Schrullige Pseudo-Superhelden

Ein ganz normaler Tag in Tulsa, Oklahoma, im Jahr 2019. Es regnet Alien-Tintenfische. Smartphones und Internet gibt es nicht. Und Robert Redford – ja, der! – ist der am längsten amtierende US-Präsident der Geschichte. Ach ja, und Vietnam ist der 51. Bundesstaat der USA.

„Watchmen“, die jüngste Serie des US-Bezahlsenders HBO, der nach dem Ende von Game Of Thrones nach neuen Blockbustern sucht, spielt in einer alternativen Wirklichkeit.

Die Serie basiert auf der zwölfteiligen DC-Graphic-Novel-Reihe von Autor Alan Moore und Illustrator Dave Gibbons, die zwischen 1986 und 1987 erschien. Die TV-Produktion ist jedoch keine Adaption der Comics, sondern eine Fortsetzung, die drei Jahrzehnte nach den ursprünglichen Geschehnissen einsetzt.

Neben einigen Original-Charakteren – Jeremy Irons erhält als gealterter Superheld Ozymandias einen eigenen Handlungsstrang – werden neue Figuren eingeführt. Kriminalbeamtin Angela Abar, gespielt von Oscargewinnerin Regina King, kämpft unter dem Decknamen Sister Night als eine Art Ninja-Nonne gegen die „Siebte Kavallerie“, eine weiße, rassistische Terrororganisation. Genau wie die Bösewichte sind auch die Polizisten vermummt, um ihre Identität zu verbergen.

Gewöhnliche Helden

Hier hat jedoch niemand übernatürliche Selbstheilungskräfte oder Laseraugen. Diese „Superhelden“ sind lediglich verkleidete Menschen, die sich Farbe ins Gesicht schmieren und in Jogginghosen oder kindischen Capes auf Verbrecherjagd gehen. Hinter der Maskerade verbergen sich persönliche Traumata. Ähnlich wie die „Deadpool“-Filme oder die Amazon-Serie „The Boys“, dekonstruiert „Watchmen“ den Mythos strahlender Superhelden, zeigt die Makel hinter der Maske und die Schwächen unter der stolz geschwellten Brust.

Geschickt verknüpfen die Macher um Serienerfinder Damon Lindelof, der auch hinter „The Leftovers“ und „Lost“ steckt, Fiktion mit historischen Ereignissen. Vor dem surrealen Hintergrund ihrer Dystopie blitzen reale brisante Themen auf. So legt „Watchmen“ die explosiven Rassenspannungen in den USA offen und führt rassistische Polizeigewalt vor, verpackt in eine actiongelande Serie mit satirischen Elementen.

Die vielschichtige Story gewinnt während der neun einstündigen Folgen an Spannung, doch wer weder die Original-Comics noch den Kinofilm „Watchmen: Die Wächter“ aus dem Jahr 2009 kennt, wird sich in der bizarren Welt nur schwer zurechtfinden und viele Wendungen nicht verstehen – etwa, wieso ein riesiger Tintenfisch auf Manhattan plumpst.

„Watchmen“ ist seit 4. November auf Sky zu sehen. Die Review erschien in der Passauer Neuen Presse und im Musikexpress.

Foto: © Home Box Office, Inc.