Catherine The Great: Einer Kaiserin nicht würdig

Eine Paraderolle für Helen Mirren: „Catherine The Great“ ist eine ebenso scharfsinnige wie scharfzüngige Kaiserin, der die neue Sky-Serie leider nicht gerecht wird.

„Einer von Euch sieht aus wie eine Lesbe, aber ich weiß nicht, welcher“, zischt Katharina die Große spitzzüngig auf einem Maskenball zwei als Hofdamen verkleidete Männer an. Dieser Witz ist nicht nur platt und diskriminierend, sondern auch deplatziert. Denn anno 1762 wurde dieser Ausdruck für gleichgeschlechtliche Liebe noch nicht verwendet.

Die vierstündige Miniserie „Catherine The Great“, nach Chernobyl die zweite Zusammenarbeit von Sky und HBO, in der eine britische Produktion ein Stück russische Geschichte schildert, verpackt historische Begebenheiten in ein zeitgemäßes Gewand. Vor dem Hintergrund Russlands im 18. Jahrhundert wird das Leben historischer Persönlichkeiten gezeigt, modernisiert mit vermeintlich frechen Dialogen.

Dirty Talk einer Zarin

Auf die jüngsten Kriegstaktiken folgt Bettgeflüster über Erektionen. Auch wenn diese vermeintlich lässige Art den Stoff und die Figuren einem zeitgenössischen Publikum näher bringen soll, sind die Dialoge künstlich und manchmal einfach nur vulgär – das gelang der franko-kanadischen Produktion „Versailles“ besser.

Dabei birgt die Geschichte über eine der mächtigsten Frauen Europas packenden Erzählstoff. Als 16-jähriges Mädchen aus deutschem Adel mit dem russischen Kaiser vermählt, den sie mithilfe des Militärs vom Thron stürzte, regierte Katharina die Große 34 Jahre über Russland. Sie galt als rücksichtslose, aber fortschrittliche Herrscherin, die ihre Feinde skrupellos ausschaltete, gleichzeitig aber für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte.

Scharfsinnig und scharfzüngig

Eine willensstarke Frau mit einem turbulenten Leben, ebenso scharfsinnig wie -züngig. Eine Paraderolle für die 74-jährige Helen Mirren, die selbst russische Wurzeln hat, und bereits zweimal eine britische Monarchin mimte. Für ihre Darstellung des amtierenden Staatsoberhauptes Großbritanniens in „The Queen“ wurde sie 2006 sogar mit einem Oscar belohnt.

Doch die Macher von „Catherine The Great“, darunter Autor Nigel Williams, der das 2005er TV-Drama „Elizabeth I“ – ebenfalls mit Mirren in der Hauptrolle – schrieb, und Regisseur Philip Martin (The Crown), konzentrieren sich auf die leidenschaftliche Liaison der Zarin gegen Ende ihrer Regentschaft mit Gregor Potemkin (Jason Clarke), einem abenteuerlustigen und gebildeten Leutnant.

Weder Sehnsucht noch Sog

Das Drehbuch basiert auf der Korrespondenz zwischen den beiden Liebenden, Briefen, die heute noch existieren. Doch ihre Sehnsucht füreinander, bedingt durch die monatelangen Trennungen, wenn er an der Front weilte, wird in der Serie nicht spürbar. Die Zeitsprünge sind nicht nachvollziehbar, dementsprechend entwickelt die Handlung keinen Sog und die Nebenfiguren bleiben blass.

Trotz der brillanten Helen Mirren ist „Catherine The Great“ nicht mehr als ein opulent inszeniertes Historiendrama, das sich sprachlich up to date gibt, seinen spannenden Stoff aber verschenkt.

„Catherine The Great“ ist auf Sky zu sehen. Der Artikel erschien in der Printausgabe der Passauer Neuen Presse.

Foto: HBO/Sky