Stonewall 50: Im Namen des Regenbogens

In der Popkultur waren queere Künstler selten so präsent wie heute. Aber auch 50 Jahre nach den Stonewall Riots, die den Grundstein für die moderne LGBTIQ-Bewegung legten, gibt es in Sachen Gleichberechtigung noch viel aufzuholen.

„Wir haben auch das Recht, zu heiraten!“ schrie ein aufgebrachter Passant während der Unruhen, die frühmorgens am 28. Juni 1969 rund um die Schwulenbar „Stonewall Inn“ in der New Yorker Christopher Street ausbrachen. Ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, bis dieses Recht in den USA bundesweit durchgesetzt wurde.

Wie alles begann

Jahrzehntelang wurden schwule Männer von der Polizei verfolgt, konnten ihre Liebe nur im Verborgenen ausleben. Lesbische Frauen litten unter den traditionellen Geschlechterrollen, unabhängige und sexuell selbstbestimmte Frauen waren nicht vorgesehen. Man musste mindestens drei geschlechtsspezifische Kleidungsstücke tragen, sonst konnte man verhaftet werden. Halbheimliche Bars boten einen geschützten Raum.

Heute ein US-Nationaldenkmal: das Stonewall Inn im Sommer 2018. Foto: Renzo Wellinger

Doch immer wieder kam es zu Razzien. Im Sommer 1969 wehrten sich Drag Queens, lesbische Frauen und schwule Männer sowie Transgender jeglicher Couleur vor dem Stonewall Inn in Greenwich Village gegen diese willkürlichen Kontrollen und Schikanen der Polizei. Flaschen und Steine flogen, einige skandierten „Gay Power“. Mehrtägige Straßenkämpfe folgten. Kurz darauf wurde die Gay Liberation Front gegründet, mit dem Ziel, für die Rechte von Homosexuellen zu kämpfen.

Bereits zuvor hatten sich in den fünfziger Jahren in den USA verschiedene Gruppierungen gegründet. Diese  plädierten allerdings für eine Eingliederung in die heterosexuell dominierte Gesellschaft durch Anpassung. Das Motto: „Wir sind wie Ihr“. Mit den Unruhen in New York im Zuge der sexuellen Revolution und beeinflusst von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre radikalisierte sich die Szene. Das Private wurde politisch, der Grundgedanke „Wir sind anders – und stolz darauf!“ wirkt bis in die Gegenwart nach.

Und heute?

Ursprünglich Christopher Street Day, kurz CSD, genannt, wird heute international der komplette Juni als „Pride Month“ gefeiert. Mit bunten Politparaden wird für einen offenen Umgang mit sexueller Identität geworben. Längst beteiligen sich auch Wirtschaftskonzerne an den Umzügen, der symbolhafte Regenbogen ist zu einem Gütesiegel für Toleranz geworden.

Die „Stonewall Riots“ gelten als Beginn der modernen LGBTIQ-Bewegung. Aber wer verbirgt sich hinter diesen Buchstaben? Das Kürzel steht für Lesben, Schwule (Gays), Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queers. Damit wird der Vielseitigkeit der Szene Rechnung getragen. Denn während von Außenstehenden oft ein vereinfachtes, stereotypes Bild gezeichnet wird, hat sich die LGBTIQ-Community in den letzten Jahrzehnten immer stärker differenziert.

Bunt und politisch

Die Regenbogenflagge wurde 1978 von US-Aktivist Gilbert Baker als Symbol der LGBTIQ-Bewegung entworfen. Die Farben verdeutlichen die Vielseitigkeit der Community. Foto: Unsplash

Sie ist ein Abbild der Gesellschaft, es gibt also unterschiedliche Interessen und ebenso viele politische Strömungen. Außerdem hat die Subkultur mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die dominante Gesellschaft: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Rassismus, Sexismus und Body Shaming sind weit verbreitet. Was alle eint, sind ihre Erfahrungen als Außenseiter jenseits gängiger Gesellschaftsmuster. Im Bann der Regenbogenflagge gehen sie gemeinsam in Gedenken an die Stonewall-Aufstände und um auf die bestehende Diskriminierung aufmerksam zu machen, weiterhin für ihre Rechte auf die Straße.

50 Jahre nach den Ausschreitungen in New York hat sich vieles verändert. Im Juni 2015 erklärte der Oberste Gerichtshof die gleichgeschlechtliche Ehe überall in den USA für rechtens, in Deutschland beschloss der Bundestag zwei Jahre später die „Ehe für alle“.

Gay Pop

Serien wie Orange Is The New Black, Special, Pose, Please Like Me oder Stadtgeschichten sensibilisieren ein Mainstream-Publikum für queere Themen, darunter insbesondere auch die Probleme von Transgender. Nie zuvor wurden Transgender-Charaktere auch von Transgender-Schauspielern dergestellt. Mit Moonlight wurde 2017 erstmals ein LGBTIQ-Film mit einem Oscar prämiert.

Während Stars wie Elton John oder George Michael ihre sexuelle Orientierung zu Beginn ihrer Karriere kaschierten, gehen immer mehr queere Künstler offen mit ihrer Sexualität um. Selten gab es so viele queere Pop-MusikerInnen wie Sophie, Shamir, Kim Petras, Janelle Monáe, Troye Sivan oder King Princess. Superstar Taylor Swift ruft in ihrem neuen Musikvideo zu Solidarität mit der LGBTIQ-Community auf. Gleichzeitig erhitzt in Deutschland Sarah Connors Single „Vincent“ über das Coming Out eines schwulen Jungen manche Gemüter.

Küssen verboten

Noch immer drehen sich Menschen auf der Straße um, wenn gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen. Foto: Pexels/Jean-Baptiste Burbaud

Noch immer drehen sich Menschen erzürnt um, wenn gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit – genau wie heterosexuelle Verliebte auch – Zärtlichkeiten austauschen.

Erst vor wenigen Wochen wurde in einem Londoner Bus ein lesbisches Paar beleidigt und geschlagen, in Zürich wurde ein homosexuelles Ehepaar nach der Gay-Pride angegriffen. An vielen Schulen gilt „schwul“ als Schimpfwort, Profisportler und Hollywood-Stars fürchten sich davor, sich zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen, aus Angst vor einem Karriereknick.

In manchen Ländern drohen immer noch Verfolgung und Folter bis hin zur Todesstrafe. Auch hierzulande ist Homophobie allgegenwärtig. Angesichts des Rechtsrucks in Europa, sehen viele ihre Grundrechte, für die sie jahrzehntelang gekämpft haben, bedroht.

Bis zur vollständigen Gleichstellung ist es also noch ein langer Weg. Dennoch: viele junge queere Menschen treten heute selbstbewusster auf. Ihre Belange sind sichtbarer geworden. Beschleunigt durch Globalisierung und digitale Medien entstand ein internationales Netzwerk. Und nicht zuletzt stellt die moderne LGBTIQ-Bewegung heteronormative Normen, Verhaltensmuster und Beziehungsmodelle in Frage – und macht die Welt damit abwechslungsreicher.

Vom 6. bis 14. Juli findet die Münchner „CSD Pride Week 2019“ unter dem Motto „50 Jahre Stonewall – Celebrate Diversity! Fight for Equality!“ statt. 

„Pride“ in Deutschland
Kurz vor den Stonewall-Unruhen, am 25. Juni 1969, wurde in Deutschland der Paragraf 175 erstmals reformiert. 1872 eingeführt, von den Nationalsozialisten verschärft und erst 1994 aufgehoben, stellte das Gesetz sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Anfang der Siebziger regte der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ des schwulen Regisseurs Rosa von Praunheim die Gründung erster schwuler und lesbischer Interessengruppen an. In München fand der CSD erstmals 1980 statt. Damals zogen unter dem Motto „Schwul, na und?“ rund 150 Frauen und Männer, teilweise vermummt, durch die Innenstadt.

Den Artikel ist in der Print-Ausgabe der Passauer Neuen Presse erschienen.